Alles was man
über den Gesang Korsikas wissen möchte...
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Aktualisierung der Website : 6. März, 2011
Diese Seite ist dem Gesang und der Musik Korsikas unter verschiedenen
Aspekten gewidmet: Herkunft, Entwicklung, Themen, Instrumente,
Ausbildung …
Um mehr zu erfahren, siehe die Seite über korsische
Sänger und Gruppen. A Filetta erfährt (wie hier üblich) eine
bevorzugte Behandlung, da viele Seiten speziell der Gruppe aus der
Balagne gewidmet sind (siehe unten). Die Gruppe L’Alba erscheint auf
einer eigenen Seite.
Schließlich findet man auf zwei Seiten die Texte korsischer Lieder:
traditionelle Lieder und zeitgenössische Kreationen; die Lieder A
Filettas sind Gegenstand einer speziellen Seite.
Der korsische Gesang : à l'iniziu
c'era a voce
Am Anfang war das Wort. Diese Worte der Genesis ergeben ihren ganzen
Sinn auf der Insel der Schönheit, wo die ersten in korsischer Sprache
geschriebenen Texte erst um das 18. Jahrhundert erschienen sind.
Als Gesellschaft oraler Tradition, hat Korsika immer eine wahre
Leidenschaft für alle Formen des mündlichen Ausdrucks gezeigt. Dieser
Enthusiasmus findet seine schönste Form im Gesang, der schon immer dem
täglichen Leben einen Rhythmus verliehen hat.
Traditionell ist der Gesang in Korsika polyphon (wenn auch das Wort
"pulifunia" eine Neubildung ist). Er wird vom Vater auf den Sohn
weitergegeben. Diese Lieder erinnern an die Arbeit und das tägliche
Leben, das Exil, an Trennungen, an den Schrecken des Krieges von 14-18
oder nehmen literarische Texte auf, besonders Die göttliche Komödie von
Dante.
Jeder Augenblick, von der Geburt bis zum Tod, hat sein Lied, profan
oder sakral, und am häufigsten a cappella interpretiert. Einige, wie
die chjama è rispondi (wörtlich: Ruf und Antwort) bringen im
Wesentlichen das Improvisationstalent und die Schlagfertigkeit der
Sänger zur Geltung, die sich ansprechen und herausfordern, mit
geistreichen Bemerkungen wetteifern, die manchmal von verheerendem
Humor sind. Es handelt sich dabei um wahre Rededuelle, wobei der Inhalt
Vorrang vor der musikalischen Form hat, nahe am monotonen Gesang des
antiken Theaters.
Andere, wie die Paghjella,
die repräsentativste Form korsischen
Gesangs, bringen die menschliche Stimme voll zur Geltung, vermitteln
eine Emotion, die weit über Worte hinausgeht. Der Ursprung dieses
polyphonen Gesangs könnte vor-gregorianisch sein.
Die Paghjella, in
Form von achtsilbigen Sechszeilern zusammengesetzt, wird immer, trotz
ihrer Herkunft (paghju: Paar) dreistimmig interpretiert, oder vielmehr
in drei Tessituren, weil die Stimmen, vor allem der Bass, oft doppelt
besetzt sind, und es vier, fünf oder sechs Sänger sein können.
Die drei Stimmen setzen in fast unveränderlicher Form ein. Zuerst kommt
a seconda, die den Ton angibt und trägt, gefolgt und unterstützt von u
bassu – dem Bass – und bald kommt das hohe Gegen-Register von a terza
dazu - die dritte, die zur Ornamentierung der seconda mit Melismen
improvisiert (e riccucate ). Und wenn die Paghjella gut gesungen wird,
erscheint die "quintina", harmonisch entstanden aus der Fusion der
Grundnoten.
Zwei nennenswerte Ausnahmen von diesem Grundsatz: die Polyphonie "versu
aschese" (die Art, wie in Ascu gesungen wird) wie Sè tu passi, wo es
der Bass ist, der das Lied beginnt, und „versu de Tagliu“ (die Art von
Tagliu), wobei die Terza den Akkord markiert, ständig gestützt von dem
Bass, die Ornamentierung der Seconda überlassend. Dies ergibt die so
charakteristisch gehaltenen Harmonien.
Das Bild der in einem Halbkreis angeordneten Paghjella-Sänger, den Arm
manchmal auf die Schulter des Nachbarn gelegt, die Hand am Ohr (sei es,
um die anderen Sänger, oder um die eigene Stimme besser zu hören), ist
weltweit bekannt.
Ich erlaube mir, von Benedettu Sarocchi diese beiden Texte zur
Paghjella zu entleihen, gefunden auf der Seite paghjella.com :
Die
Paghjella ist eine der traditionellen Formen der Polyphonie. Dies ist
der Festgesang schlechthin, denn man singt ihn bei allen festlichen
Veranstaltungen (Patronatsfeste, Bankette, Hochzeiten…) Die Paghjella
ist nicht zu verwechseln mit anderen Formen der Polyphonie, die von dem
Gesangsstil inspiriert sind, wie "Terzetti" oder "Terzine“ (elfsilbige
Terzinen, am häufigsten in toskanisch verfasst), die "madricali“
(Liebeslieder der Toskana mit ebenfalls freier Metrik) und vor allem
der religiöse Gesang aus der römischen Liturgie, meist in
Latein,
manchmal auch "messa in paghjella“ (Paghjella-Messe) genannt. Es
handelt sich um eine weltliche Dichtung, bestehend aus achtsilbigen
Sechszeilern, einige meinen, dass es sich eher um drei 16-silbige
handelt.
Beispiel einer
Paghjella :
Què sò voci muntagnole /
Spurgulate di cannella Beienu tutte le mani /
L’acqua di la funtanella A’ lu frescu di lu fovu
/ ‘Ntonanu la so paghjella. Übersetzung:
Aus klarer Kehle hört man hier
Die Stimmen der Bergbewohner
An jedem Morgen trinken sie
Das Wasser aus frischer Quelle
In des Buchenwaldes Kühle
stimmen sie die Paghjella an.
Die
poetischen Themen sind sehr vielfältig. Es gibt meines Wissens kein
verbotenes Thema. Die Paghjella kann sowohl auf gehobenem poetischem
Niveau sein, als auch manchmal auf sehr niedrigem, sie kann bei derben
Texten sogar vulgär sein.
Es ist interessant festzustellen, dass
der hohe poetische Stil des Toskanischen (in der literarischen
Sprache), der in der traditionellen Dichtung vorhanden ist, in der
Paghjella praktisch fehlt.
Diese Gedichte, die Grundlage der
Paghjelle sind, werden durch mündliche Überlieferung vermittelt und
meist direkt von Sänger an Sänger weitergegeben.
Die Paghjella in Form von improvisierter Dichtung ist selten oder sogar
nicht vorhanden.
Man
muss glauben, dass jemand eine Paghjella erfindet und dass diese weiter
getragen und manchmal von anderen verändert wird, was darauf schließen
lässt, dass man es in vielen Fällen mit einer "populären
Wiederaneignung" des Werkes zu tun hat, die daher eine
gemeinschaftliche
Schöpfung wird. Bei der Musik der Paghjella handelt es sich im
Wesentlichen um ein Lied für drei Stimmen. Die siconda (oder seconda)
ist die wichtigste Melodiestimme, die das Lied beginnt und zu der die
anderen Stimmen hinzukommen: Der Bass (u bassu), die tiefe, harmonische
Stimme, oft als kontinuierliches Summen; er kann verdoppelt oder
verdreifacht sein (was erklärt, dass oft 4 oder 5 Sänger eine Paghjella
singen) und die Terza (was man als "Terz“, aber auch als „dritte“
übersetzen kann), die gleichzeitig melodische und harmonische hohe
Stimme, die den Akkord ergänzt, aber auch durch Melismen (schnelle
Schnörkel, genannt rivucate) einige Passagen des Gesangs verschönert.
Das besagt, dass die überlieferte Paghjella zu dritt gesungen wurde.
Im
Prinzip ist die Harmonie der Paghjella festgelegt und vorgegeben,
während die Melodie und die Melismen der Siconda und Terza improvisiert
werden (oder zumindest sängerspezifisch sind), wobei selbstverständlich
eine allgemeine Harmonie des Stückes bleibt, wie etwa bei einer
Jazz-Phrasierung.
Es versteht sich von selbst, dass es die
Paghjella vor dem gleichmäßigen Temperament gab (dem System, dass die
Tonleiter in 12 Halbtöne teilt, anfänglich aus eher praktischen als
ästhetischen Gründen, wie beispielsweise die Tastatur eines Klaviers);
was zur Konsequenz hatte, dass die "wahre" Paghjella, die unserer
Alten, häufig eine Tonleiter verwendete, die für westliche Ohren
mikrotonal erscheint, und die mehr oder weniger zwischen Dur und Moll
fluktuiert (oft mit dem Einsatz einer natürlichen Terz).
Eine
„gelungene“ Paghjella muss die stimmliche Eigenheit der Sänger und den
harmonischen Zusammenhalt, ihre Stimmen mit denen der anderen zu
mischen, vereinen. Man könnte ebenso gut sagen, die perfekte Paghjella
ist ein nie erreichtes Ideal.
Bei einer „gelungenen“ Paghjella
kommen Harmonien hervor, zusätzliche Töne, als die von den Sängern
selbst erzeugten, und es entsteht der Eindruck einer größeren Zahl von
Gesangsteilnehmern.
Aus Gründen der Tessitur ist die Paghjella
eher ein Männergesang; wie der Voceru (von Klageweibern improvisiertes
Totenlied) und die Nanna (Wiegenlied) überwiegend von Frauen gesungen
werden.
Ein letzter Punkt: der Paghjella-Sänger hält oft die Hand
an sein Ohr. Das hat den Zweck, einen natürlichen Rückhall zu haben,
der es ihm erlaubt, seine eigene Lautstärke im Vergleich zu den anderen
Sängern zu variieren und vor allem sich nicht heiser zu schreien.
Benedettu Sarocchi
Die Paghjella, eine
Zeitreisemaschine
"Ich
erinnere mich nicht, wann ich das erste Mal die Paghjella hörte,
wahrscheinlich als Kind im Dorf. Ich erinnere mich dafür aber an diese
Gruppe von Sängern, die in einer besonderen Weise das Renommee dieses
polyphonen Gesangs fortgeführt, wenn nicht begründet haben. Ich, der
ich sie als Kind als unerreichbare Hüter eines geheimnisvollen Wissens
betrachtete, das den Vertretern einer ehrwürdigen Generation
vorbehalten ist, hatte das Glück, mit ihnen während meiner Jugendzeit
zusammen zu treffen, bis zu dem Punkt, mich bei vielen Gelegenheiten
mit ihnen zu verbinden. Denn die Paghjella ist vor allem eines: etwas,
dass die Altersunterschiede auslöscht, die Kluft zwischen den
Generationen beseitigt, die es Jungen und weniger Jungen ermöglicht,
gemeinsam drei Tage und drei Nächte zu feiern, ohne sich eine Sekunde
zu langweilen und dabei sozusagen alles zu teilen: die Freude, die
Gastlichkeit, den gleichen Humor, manchmal sogar die Trunkenheit, aber
vor allem die Freude an der Harmonie der Stimmen, die Sensation eine
perfekte Paghjella zu singen, die Obertöne vibrieren zu lassen, diese
Noten, die durch die gesungen Noten bewirkt werden; die man hört, die
aber niemand im Kreis direkt erzeugt und die einige Alte gern auf eine
posthume Beteiligung verstorbener Sänger zurückführen.
Man
muss sich in ein Dorf begeben, wo die Paghjella seit Jahrzehnten nicht
mehr gesungen wurde, um zu entdecken, dass, mit Beginn der ersten
Akkorde der sich erhebenden Stimmen, ein kleiner alter Mann sich
diskret eine Träne aus dem Augenwinkel wischt oder ein Kind mit weit
offenem Mund die Augen vor Erstaunen aufreißt.
Weil die Paghjella
auch das ist: etwas, das euch sowohl in die Vergangenheit als auch in
die Zukunft projiziert; jeder, der sie gut kennen gelernt hat, wird
nicht unversehrt wieder hinausgehen, und es ist oft ebenso für
denjenigen, der sie neu entdeckt.
Der Paghjella-Sänger ist
während seiner ersten Lehrjahre oft in seiner Kunst frustriert: man
muss zu dritt sein, um die Paghjella zu singen, und noch dazu sind die
Möglichkeiten rar; folglich kennt er gut diese seltsame Empfindung, die
bewirkt, dass, wenn er einmal die ersten Akkorde der Stimmen in der
Ferne hallen hört, sein Blut sich zu erhitzen beginnt, er fühlt sein
Herz sehr stark schlagen, zur gleichen Zeit in Höhe der Schläfen; seine
Eingeweide scheinen sich zu verflüssigen, während ein unwiderstehlicher
Reflex seine Beine in Richtung dieser so sehr erwarteten, vertrauten
Noten drängt.
Manchmal wird trotz allem eine lässige Haltung in
seiner Bewegung geboten sein, um keinen Verdacht in seinem Umfeld zu
wecken; wohl wissend, dass er „süchtig“ ist, kann er es nicht zeigen
wollen; es ist verlorene Liebesmühe !
Die Zeit, die er mit seinen
Kumpanen verbringen wird, und die Energie, die er aufbringen wird, sie
auszudehnen, wird in einer unleugbaren Weise seine Leidenschaft für
diese Form des Singens bezeugen.
Denn die Paghjella ist
manchmal das: Ein Ausdauersport gleichermaßen wie eine verjüngende
Droge, die ein Gefühl der Allmacht einflößt, der Leistungsfähigkeit,
der Selbstübertreffung und die, nach meinen eigenen Beobachtungen,
tatsächlich dem Einzelnen ein Verschieben seiner Grenzen bis zum
Extremen erlaubt.
Die Jahre der Praxis kommen, der
Paghjella-Sänger gewinnt an Selbstvertrauen und dennoch kommen in
regelmäßigen Abständen die Zweifel: Im Moment, wo er überzeugt war, den
Gipfel seiner Kunst erreicht zu haben, wird er da nicht feststellen,
dass er noch viel lernen muss: eine Feinheit in den Melismen (ma ùn a
facciu micca à fà sta rivuccata! - Aber er gelingt mir nicht, dieser
Melismus!), Perfektion in der Tonleiter (ma cumu ferà per cantà cusì à
l’usu anticu? - Aber wie macht man es, sie in der alten Form zu
singen?), Präzision in Rhythmus (ma cumu serà chì u mo versu ùn chjocca
micca cum’ellu ci vole? – Aber wie kommt es, dass meine Art zu singen
nicht so klingt, wie ich es möchte?).
Weil die Paghjella vor
allem das ist: etwas, das man in einer zu einfachen Weise definieren
könnte wie einen tierischen Schrei, die aber in Wirklichkeit ein sehr
komplexer, raffinierter Gesangsstil ist, der seine Interpreten nach
einer Perfektion streben lässt, die sie nicht erreichen werden,
sozusagen, so viele Schwierigkeiten sie jemals überwinden, werden sie
unausweichlich Raum für weitere Komplikationen lassen.
Da die Paghjella uns nicht alles gesagt hat, wird sie uns noch lange am
Schlafen hindern.“
Die Kirchenlieder, Totenmessen oder Messen für die Lebenden,
nehmen
einen wichtigen Platz ein. Die Tradition wird in einigen Dörfern wie
Sermanu oder Rusiu bewahrt.
Der weltliche Gesang unterscheidet in:
- Lamentu: Klagelied des Unglücks, der Abreise, des Exils, der Banditen.
- Madricale: spezielle Polyphonieform der Region Tagliu Isulacciu
-
Terzetti: Lieder, die aus Strophen mit drei elfsilbigen Versen
bestehen, deren Reim ABA, BCB, CDC angeordnet ist ... Sehr beliebt im
Mittelalter; sie sind im literarischen Toskanisch geschrieben und haben
in der Regel eine harmonische melodische Linie.
- Terzine: ähnlich wie Terzetti.
Die Schnörkel und Melismen ("riccucate"), die auf verschiedenartigen
und beschränkten Intervallen spielen, sind sehr frei.
Die Polyphonie
von Sartène, die ihren Ursprung bei den Franziskanern nimmt,
unterscheidet sich von der Nordkorsikas durch ihre verschiedenen
Gesangsstrukturen, eine geringere Freiheit der Improvisation und etwas
weniger Verzierungen. Sie hat oft mehr den Charakter eines Chorals.
Jean-Claude
Acquaviva stellt fest: "Die Polyphonie ist tief verwurzelt mit der
Insel und spiegelt eine Kultur, eine Seinsweise der korsischen
Gesellschaft wider.“
Musikwissenschaftler und Forscher konnten
nicht präzise die Herkunft definieren, den Zeitpunkt des Auftauchens
und den Weg dieses Gesangs, der alle bloße Virtuosität wie alle Effekte
ohne Ausdruckskraft ignoriert. Die Stimme allein ist kein Selbstzweck.
Was zählt, ist die Emotion und die Gemeinschaft. Die Sänger berühren
sich beim Singen und verbinden sich in gemeinsamer Schwingung.
Unbekannte Entstehung
Einige Musikwissenschaftler sprechen sich angesichts der
frühzeitigen Christianisierung Korsikas und dem großen Einfluss der
Franziskaner für einen religiösen Ursprung des korsischen Gesangs aus;
andere jedoch neigen zu einer christlichen Rückgewinnung eines
heidnischen Substrats. Sicher ist jedenfalls, auch heute noch, die
Vormachtstellung der Bruderschaften bei der Weitergabe der Lieder. Also
"hat die Paghjella viele Gründe, als ein authentischer profaner
polyphoner Ausdruck des gesellschaftlichen Lebens betrachtet zu werden,
als ein außerhalb des sakralen Bereichs umgesetztes Relikt einer
liturgischen Tradition" (Ph.J. Catinchi).
Die Wiederbelebung des korsischen Gesangs
Paradoxerweise wurde der korsischen Gesang
entdeckt, als er im Begriff war, unter der Wirkung des demographischen
Aderlasses des Krieges 1914/18 zu verschwinden, der fortschreitenden
Aufgabe der überlieferten Lebensweisen, der Verachtung für diese
„bäuerlichen“ Traditionen.... Als Xavier Tomasi im Jahre 1932 Les
Chants de Cyrnos veröffentlicht, verschweigt er völlig die Polyphonie.
Im
Jahre 1948 entdeckt der Ethnomusikologe Félix Quilici (1909-1980) in
Rusiu die Existenz einer sakralen Polyphonie für drei Stimmen,
praktiziert bei verschiedenen Messen.
Er entdeckt auch die
Paghjella, die innerhalb einiger Familien erhalten geblieben war, wie
bei den Bernardini. Er durchstreift Korsika, um die Überreste dieser
uralten Lieder zu sammeln, und setzt diese Arbeit zu Beginn der 60er
Jahre für den CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) fort.
Diese
klangvolle Sammlung, die er an der Sommeruniversität in Corte
präsentierte, besteht aus Paghjelle, Lamenti, Voceri, Sirinati und
Nanne, die die Weltvorstellung der Insel ausmachten.
Wahrheiten,
die ziemlich unwillkommen waren zu einem Zeitpunkt, wo diese Lieder zu
rau, zu orientalisch, zu "arabisch" erschienen. Im Jahre 1949 glaubte
sich ein Hörer einer Übertragung der von Quilici gesammelten Lieder
beim Radiosender AOF (Afrique occidentale française), während ein
feinsinniger Einwohner von Ajaccio sich mit Bestürzung fragt, "was die
von uns denken werden auf dem Festland..."
Diese Vorurteile sind
zäh: so fragte ein Zuhörer die Gruppe L'Alba vor kurzem bei den
Rencontres in Calvi, ob ihre Musik nicht "ein wenig arabisch“ sei",
worauf ihm geantwortet wurde, dass Korsika im Mittelmeer liegt und
vielfältige Einflüsse erfahren hat ...
Die Aufnahmen Quilicis
können nun zum Teil im Museum von Corte angehört werden, der Rest in
der Nationalbibliothek von Frankreich.
Das gleiche Anliegen der Wahrung war die Speerspitze der Bewegung des riacquistu um Canta u Populu corsu,
besonders Minicale, Alain Bitton-Andreotti, Alain Nicoli, Natale
Luciani und Ghjuvan Paulu-Poletti, und auch Ghjermana de Zerbi und
Mighele Rafaelli. Auch Ghjuliu Bernardini, Vater von den Muvrini Alain
und Jean-François, darf bei dieser Aufzählung nicht fehlen. Diese
Sänger bilden somit genau den Gegenpol zu den schmalzigen Liedern mit
Schmachten und Mandolinen, die zu dieser Zeit vorherrschen. In den 80er
Jahren haben E
Voce di U Cumune mit Nando Acquaviva eine systematische
Forschung zu diesen speziellen Themen durchgeführt.
Man sollte auch die Arbeit von Iviu Pasquali
aus San Damianu erwähnen, Gründer der ersten Schule für traditionelle
Polyphonie 1986 in Fulelli. Dort wurde der Gesang "in Paghjella"
gelehrt: Paghjelle, Terzetti, Madricali, Curentine, Messen. Mehr als
sechzig Kinder haben mit MADRICALE singen gelernt. Später hat die aus
dieser Schule hervorgegangene Gruppe zwei CDs aufgenommen (1992 und
1995) und Hunderte von Konzerten auf Korsika, auf dem Kontinent, im
Baskenland und in Sardinien gegeben. Diese jungen Leute, die alle aus
der Castagniccia stammen, wurden von der Liebe zum Singen, aber auch
vor allem durch eine Brüderlichkeit getragen, die MADRICALE zu einer
einzigartigen Gruppe gemacht hat.
Die Perspektiven des korsischen
Gesangs
Es ist fast ein Wunder, dass der korsische Gesang überlebt hat.
Heute sind so unterschiedliche Gruppen wie I Muvrini, A Filetta, Les
Nouvelles Polyphonies Corses weltweit bekannt. Und von einem
traditionellen Repertoire ausgehend, haben all diese Gruppen eine sehr
unterschiedliche Entwicklung erfahren, wie Varieté, polyphone
Kreationen, traditionelle Polyphonie, Weltmusik... Nach der heilsamen
und notwendigen Phase der Bewahrung, muss der korsische polyphone
Gesang zwischen zwei Klippen navigieren: nur ein Konservator der
Vergangenheit zu sein, oder im Gegenteil zu einer Weltmusik ohne Seele
banalisiert zu werden.
Einige sprechen sich für eine Rückkehr zur
Tradition aus, aber zu welcher Tradition? Man muss klar sehen, dass die
Lieder, die gerettet werden konnten, wahrscheinlich nur einen kleinen
Teil der Vielfalt des korsischen Gesangs repräsentieren. Man sollte
einen gewissen "akademischen" Wunsch vermeiden, den Gesang zu codieren,
die heute bekannten Versionen zu unveränderbar endgültigen Fassungen zu
machen. Und gleichermaßen jeden exogenen Beitrag leugnen zu wollen, um
ein reines Modell frei von externen Einflüssen schaffen zu wollen.
In
diesem Zusammenhang erscheint der Weg A Filettas insoweit exemplarisch,
als sie fest in der Tradition verwurzelt sind, wobei die Gruppe sich
absolut keine Grenze setzt, außer bei der Qualität, und nicht zögert,
Musik für Filme zu kreieren, sowie zeitgenössische Polyphonien, Chöre
für das Theater, wie die antiken Chöre von Senecas Medea, Opern, wobei
sie sich dicht der zeitgenössischen klassischen Musik annähern.
Medea
ist eine Art Eckstein im Leben A Filettas, über die Tradition
hinausgehend, während sie doch dort verankert ist. Jean-Claude
Acquaviva sieht die korsische Polyphonie nicht als einen endogenen
Gesang, sondern als eine Ausdrucksform, die im Laufe der Jahrhunderte
geprägt wurde, und dezente, aber sehr reale Einflüssen integrierte. Das
rechtfertigt die Aufnahme neuer Beiträge.
Die
Thematik des korsischen Gesangs
Bei den traditionellen Liedern wie bei den
neuen Kompositionen, finden wir im Wesentlichen die gleichen Themen.
Die wichtigsten Themen sind:
- die Arbeit, vor allem mit Landwirtschaft und Vieh : A Tribbiera, A
Muntagnera...
- der Krieg und seine Dramen: U Colombu, S'è tu passi,
E Sette galere, A Violetta, L'Impiccati, Sottu à lu ponte...
- das Exil, die Trennung, der Gefängnisaufenthalt:
Barbara Furtuna, U fattore, Lettera à Mamma,
Terzetti di Sermanu, und verschiedene lamenti der Banditen
- Tod und Erinnerung: Paghjella di Tagliu,
Sumiglia, L'ombra murtulaghju, L'Anniversariu di Minetta
- die Liebe: Eramu in campu,
Serinatu, A me Brunetta
- die Kindheit, insbesondere Wiegenlieder, die sehr oft
einen dramatischen Klang haben: O ciucciarella, Sottu à
lu ponte...
- die Verbundenheit mit der korsischen Heimat: Lamentu di Cursichella,
Sò l'omu, Sumiglia, A l'acula di Cintu, Santa R'ghjina...
So
wie jedoch das Bild der korsischen, schwarz gekleideten Frau auf eine
neuere Tradition verweist, die Kostüme waren oft sehr bunt, so ist
unsere Vorstellung von heute etwas verzerrt. Viele Lieder sind in
Vergessenheit geraten und es bleibt fast keine Spur von ihnen. Daher
spiegelt die zeitgenössische Vorstellung eines zwangsläufig strengen
Gesangs nicht die Vielfalt des korsischen Gesang bis ins neunzehnte
Jahrhundert wider, wo man A Pistera (Gesang des Kastanien-Dreschens),
die Currenti (Lieder des Hofs), die Canti à spassu
(Unterhaltungslieder), die Scherzi (Satiren), die Brindisi
(Trinksprüche), die Filastrocche (Abzählverse), die Chjam'è rispondi
kannte, ganz abgesehen von den Wahlliedern (Canti d'elezioni)...
Auch
die Frauen sangen bei allen Gelegenheiten im Leben: Nanne, Voceri,
Lamenti, und sogar Chjam'è rispondi. In den letzten Jahren haben
Gruppen wie Nouvelles Polyphonies Corses, Soledonna,
Donnisulana, Anghjula Dea und
Donni di l'esiliu die Paghjella zum Einsatz gebracht und unterlaufen
die übliche Praxis.
Ein
Konzert in Pigna
Die
Abendsonne
beleuchtet das an einem Felsvorsprung auf den Hügeln über dem Meer
gelegene
Dorf Pigna in der Balagne. Aus dem Hintereingang zur Bühne des
Auditoriums dringen Laute,
die an den klagen den
Ton eines Greifvogels über den Bergen erinnern.
Stimmprobe der Gruppe „A Filetta" vor ihrem Auftritt.
A Filetta (das
sind Jean-Claude
Acquaviva, Jean
Antonelli, Jose Filippi, Jean-Luc Geronimi Paul Giansily, Jean
Sicurani,
Maxime Vuillamier und Valerie Salducci) wurde
1978 gegründet und
ist eine der wenigen
korsischen,
polyphonen
Gesangsgruppen, die von
ihrer Musik leben
können.
Die meisten Gruppen proben
und singen in ihrer Freizeit. Es gibt über 100 polyphone
Gruppen auf
Korsika, traditionell eine Männerdomäne, in die aber mittlerweile auch
einige
Frauengruppen einbrechen konnten.
Der polyphone Gesang ist nicht der
einzige
traditionelle korsische Musikstil, aber der am weitesten verbreitete
und der
mit Abstand kraftvollste.
Polyphonie
bedeutet Mehrstimmigkeit, zu der drei bis acht Stimmen in
unterschiedlichen
Lagen beitragen.
Die meisten polyphonen
Gesangsgruppen bestehen aus fünf
oder sechs Sängern und singen „a capella"
(ohne instrumentale Begleitung). Die Geschichte der korsischen
Polyphonie liegt
völlig im Dunkeln. Gesangstechnik und
Lieder wurden innerhalb der Familie oder Dorfgemeinschaft von
Generation zu
Generation weitergegeben, ohne dass sie je dokumentiert worden wären.
Wie bei Geschichten
und Legenden, handelt es sich um eine
ausschließlich
orale Tradition. Vermutlich
stellt sie eine Mischung aus musikalischen Traditionen des gesamten
westlichen
Mittelmeerraumes dar. Anklänge an spanische und arabische Musik sind
unverkennbar.
In der Regel wird auf Korsisch gesungen,
manche Stücke, die auf kirchlichen Themen oder Legenden basieren, haben
lateinische
Texte und klingen bisweilen wie gregorianischer
Choral.
Während die Sänger noch mit dem
Umziehen und der Stimmprobe
beschäftigt sind,
füllt sich der Saal des Auditoriums von der
Straßenseite her. Erst langsam gewöhnen sich
die Augen an den kaum erleuchteten
Raum mit seinen dunklen, unverputzten und hohen Mauern,
an denen kleine
Ziernischen angebracht sind, die wie Schießscharten aussehen. Ein
runder
schwacher Lichtkreis erhellt die Mitte der tief unten liegenden Bühne.
Die etwa
100 Sitzplätze
steigen steil von der Bühne
zum oben liegenden Eingang des außergewöhnlichen
Konzertsaals an.
Die
Konzertbesucher
sind vorwiegend Korsen,
manche kommen von weit her aus anderen Teilen der Insel. Familien mit
Kindern und Säuglingen sind gekommen, ebenso
wie alte Männer und Frauen aus der
Nachbarschaft Die Sitzplätze
reichen bei weitem nicht aus, aber
Tickets werden so viele verkauft wie Leute kommen. Die Stufen an den
beiden
Außenwänden bieten weitere Sitzgelegenheiten, und manche Besucher
bleiben auf der
Empore am Eingang stehen.
Sechs schwarz gekleidete Männer
betreten
die Bühne, der Scheinwerferstrahl wird stärker, taucht die Sänger in
gleißendes
Licht und wirft den Rest des Raumes in undurchdringliche Finsternis.
Die
Männer bilden einen engen Halbkreis, ihre Oberkörper sind leicht nach
vorne
gebeugt, eine Hand schützt ein Ohr vor der Stimme des nimmt
den Part des Comediante,
eines Schauspielers, der mit seiner Stimme und
teilweise heftigen Bewegungen des Oberkörpers den Liedern textlich und
durch
die Spannung in der Stimme ihre Dynamik verleiht.
Die anderen Sänger steuern das feste klangliche
Gerüst bei, in Tonlagen von Bass bis Kontratenor.
Manchmal geben diese
Stimmen nur einen Rhythmus oder einen Dauerton, dann treten sie aus dem
Stirnmengewirr
plötzlich hervor und übernehmen - solo oder zusammen mit de
mComediante - Melodie- und
Textabschnitte. Durch
ein gezieltes Vor- und Zurückwippen
des Oberkörpers steuern die Sänger den Einfluss ihrer Stimme in den
Gesamtklangkörper
der Stimmmischung. Bei manchen
Liedern
stehen die Männer sehr dicht zusammen, schließen den
Halbkreis beinahe
und fassen mit dem freien Arm um den Rücken
des Nachbarn. Auch wenn es dem Zuhörer vielleicht zuerst
nicht so vorkommen
mag - alle Lieder sind streng durchkomponiert
und haben kaum Improvisationselemente. Dies stellt den
polyphonen
Gesang Korsikas, der eigentlich eine „Volksmusik" im ursprünglichen
Sinn des Wortes ist, auf eine Stufe mit klassischer Kunstmusik.
Ein Konzert von A
Filetta dauert nur etwa 45 Minuten. Es ist aus vier Kernblöcken
aufgebaut. Die ersten drei bestehen jeweils aus drei Liedern und
dauern ungefähr 13-14 Minuten pro Block. Der vierte Block
(Schlussblock) ist sehr kurz und dauert nur etwa 3-5 Minuten. Zwischen
den Blöcken erklärt Jean-Claude Acquaviva den Inhalt der
vorausgegangenen und/oder der nachfolgenden Stücke und erzählt etwas
zu ihrem Hintergrund. Die korsischen Ausführungen übersetzt er in der
Regel auch ins Französische.
Mit wenigen Ausnahmen sind A Filettas Stücke selbst komponiert, die
meisten von Jean-Claude Acquaviva, der sowohl die Texte schreibt als
auch die Musik komponiert. Die Lieder, die bei einem Konzert zu hören
sind, gehören zwei verschiedenen Kategorien an. Das eine sind die
religiösen Gesänge, in denen es oft um Tod und Trauer geht. Auch wenn
so manches Kyrie nach einem traditionellen Lied klingt, sind viele der
religiösen Lieder Neukompositionen. Die zweite Kategorie sind die
weltlichen Lieder, die auch als Paghjella bezeichnet werden. Sie können
von allen Themen des Alltags handeln, die emotional stark besetzt sind,
und die über den Gesang direkter umgesetzt werden können als über das
gesprochene Wort. Die Paghjella ist für Improvisationen offener als
der religiöse Gesang, aber Gruppen wie A Filetta neigen dazu, auch die
Paghjella-Stücke in einer klar durchkomponierten Linie zu präsentieren,
an der lange gearbeitet werden muss, bis sie zusammenpasst und
natürlich klingt.
Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, kann sich den schönen und
sensiblen Film „A Filetta, Voix Corses" des Regisseurs Don Kent
ansehen, den dieser in den Jahren 2000 und 2001 drehte, als er die
Gruppe A Filetta eine Zeit lang begleitete.
Polyphone korsische Musik hat vor allem seit den 1970er Jahren eine
starke Wiederbelebung erfahren. Diese stand im Zusammenhang mit der
politischen Situation auf Korsika und der Rückbesinnung auf die
korsische Kultur. Diese Musik hatte (und hat manchmal noch immer) auch
eine politische Dimension, da der weltliche Teil der Lieder (die
Paghjella) textlich frei zu gestalten ist und auch politische
Botschaften transportieren kann. Gruppen wie A Filetta gelang es jedoch
weitgehend zu verhindern, dass die Musik für politische Zwecke
missbraucht wurde oder ins Folkloristische abrutschte.
„I had the impression of hearing a voice from the entrails of the
earth. Song from the beginning of the world." (Es kam mir so vor als
würde ich eine Stimme aus den Eingeweiden der Erde hören. Ein Gesang
wie am Ursprung der Weltentstehung.), sagte Dorothy Carrington
treffend, nachdem sie an Weihnachten in einer Kapelle im Fiumorbo
polyphonen Gesang gehört hatte. Und kaum jemand, der auf Korsika die
Gelegenheit hat, dem Konzert einer guten polyphonen Gruppe zu
lauschen, wird einen leisen Schauer vermeiden können, der einem über
den Rücken läuft. Die Musik ist wie eine Urgewalt und wirkt bisweilen,
als würde sie über dem Zuschauerraum schweben, losgelöst von den
menschlichen Kehlen, die diese Laute produzieren. Polyphone Musik
beschreibt Korsika, seine Landschaft und Kultur vielleicht besser als
jedes geschriebene Wort es kann.
Aus "Reise Know-how
Korsika“ von Wolfgang Kathe
Die Paghjella von der UNESCO geweiht?
Das
ist die Frage, die Noël Kruslin in der Ausgabe von "La Corse Votre
hebdo" vom 4. April 2008 stellte. "Auf Initiative von einigen führenden
Stimmen ist der korsische polyphone Gesang auf dem Weg von der UNESCO
als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Ein Vorstoß für
den Schutz einer immer noch bedrohten Kunst, trotz ihrer im
Inselmaßstab weit verbreiteten Ausübung."
Nun, das ist erledigt!
Am 2. Oktober 2009 wurde der Fall von der internationalen Organisation
angenommen (siehe unten).
Der vollständige Artikel vom 4. April 2008 ist hier
wiedergegeben (pdf-Datei)
Das Thema wurde auch von Jean-Pierre Pernaut auf TF1 aufgegriffen: "Die
korsischen Lieder als Weltkulturerbe?"
Zu sehen auf 13h.tf1.fr,
Rubrik "Magazin der Woche"
Für
eine Anerkennung der „Canti in Paghjelle“ durch die UNESCO
Veröffentlicht am 22. Juli 2008 von Corse Matin
Photo
: Mario Grazi
Eine Eintragung der
„Canti in Paghjelle“ als immaterielles
Weltkulturerbe der UNESCO würde, über die Anerkennung hinaus, die
Schaffung von Orten des Austauschs und der Weitergabe ermöglichen.
Letzte
Zielgerade für den Sänger Petru Guelfucci, seine Frau Michele und all
diejenigen, die seit vielen Jahren für die Aufnahme der korsischen
Polyphonie in das Weltkulturerbe der UNESCO gekämpft haben. Ende
September wird ein Kandidaturdokument an die Organisation der Vereinten
Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur eingereicht werden,
damit die traditionellen Lieder unserer Dörfer in eine
Sofortschutz-Liste eingefügt werden.
Gestern,
haben die
Autoren dieses ehrgeizigen Vorstoßes bei einer Sitzung in Piediggrigio
das Projekt den Mitgliedern des Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrats
Korsikas (CESC) präsentiert, in Anwesenheit von Simone Guerrini,
Exekutivrat für kulturelle Angelegenheiten. Wobei es um die Frage ging,
die traditionellen korsischen Lieder weltweit anzuerkennen (siehe an
anderer Stelle), aber auch die Festlegung des Ausmaßes von Erhaltung-
und Weitergabe... falls die Kandidatur der Insel akzeptiert werden
würde.
Neben anderen Faktoren, die mit der Ausarbeitung
eines Schutzplans verbunden sind, besteht die UNESCO darauf, dass die
von dem Projekt betroffene Gemeinschaft eng eingebunden wird. „Wir
möchten die Mitglieder des Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrats, der ja
eine Emanation der Zivilgesellschaft ist, für diesen Vorgang
sensibilisieren“, sagte Michèle Guelfucci, die sich nicht auf völlig
unbekanntem Terrain bewegte. Und sei es nur, weil ihr Mann selbst
Berater innerhalb des CESC ist.
Lebendige Kultur
Bei
Fragen von Präsident Henri Franceschi wollte Petru Guelfucci so präzise
wie möglich sein. "Gegenüber dem Ausdruck Polyphonie, der eine
Verwechslungsgefahr schafft, weil er sich auf einen zu großen und
ungenauen Komplex bezieht, bevorzugen wir den Begriff Canti in
Paghjelle“, unterstrich er.
"Während es der
Polyphonie recht gut geht, wie das Entstehen vieler Gruppen beweist,
die in korsisch singen, liegen die Canti in Paghjelle im Sterben, und
es besteht echte Gefahr für ihre Vielfalt. Diese Lieder basieren auf
einem speziellen Repertoire und besonderen Techniken. Drei Stimmen
erzeugen ein gegenseitiges Echo, ohne jemals im Gleichklang zu sein,
und sie sind eng mit einem religiösen Kontext oder einfacher
Geselligkeit verbunden."
Deshalb kommt es nicht
in Frage, diese Lieder in einer Zwangsjacke erstarren zu lassen, die
ganz wie ein Museum wäre. Die Aufnahme eines solchen Typs von
mündlichem „Know-how“ in das immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO
setzt voraus, dass es sich auf eine lebendige Kultur bezieht. Und die
Mitglieder des CESC, von dem Nutzen dieses Wegs überzeugt, waren
besonders empfänglich für die Tatsache, dass diese Anerkennung die Tür
zur Schaffung von Orten der Weitergabe öffnen würde.
"Man
sollte nicht träumen. Falls es die Anerkennung durch die UNESCO geben
wird, werden die Canti in Paghjelle nicht sofort in den Genuss einer
allgemeinen Begeisterung seitens der korsischen Bevölkerung kommen.
Aber die Maßnahmen, die dank der Unterstützung der Vereinten Nationen
vorgenommen werden könnten, könnten sich als entscheidend erweisen",
sagt Petru Guelfucci unter Bezugnahme auf das Beispiel der
traditionellen sardischen Lieder, die seit ihrer Aufnahme in das
immaterielle Weltkulturerbe lebendiger sind als je zuvor.
Während
sie den September 2009 erwarten, sind die Initiatoren des Projektes der
Unterstützung der Korsischen Versammlung und des Exekutivrats
versichert. Einer Unterstützung, die bereits 2005 formuliert wurde,
gelegentlich der einstimmigen Wahl der Versammlung, und die gestern von
Simone Guerrini erneut wurde.
Die
Musikinstrumente : von der
Cialamella bis zur Cetera
Die
korsischen Polyphonien werden jetzt
gefeiert, aber man sollte die Instrumentalmusik nicht vernachlässigen.
So begleiten
die Cetera, die Pivana, die Pirula, die Cialamella und der Timpanu
Tänze
und
Lieder.
Eine Platte (CD?) zum Entdecken: Cetera, unter der
künstlersichen
Leitung von Henri Agnel, mit zahlreichen Musikern aus Pigna, darunter
Nando
Acquaviva, Claude Bellagamba, Jérôme, Toni, Ugo und Nicole Casalonga,
Cedric
Savelli, Ceccè Guironnet, etc.
Und, im noch mehr über die korsische Lied zu lernen, werden Sie auf der nächsten Seite kurz im Jahr 2007 von einem jungen österreichischen Studenten vorgelegt finden, Margarethe Hlawa im Master of Arts an der Universität Mozarteum in Salzburg.